Datencheck: So kann Hannover 96 den Pokal-Coup gegen Leipzig schaffen

Stand: 01.03.2022 10:25 Uhr

Mit dem Bundesliga-Vierten RB Leipzig hat Zweitligist Hannover 96 den schwersten Gegner im DFB-Viertelfinale vor der Brust. Wie kann der Pokal-Coup gegen den Favoriten dennoch gelingen? Der Datencheck.

von Matthias Heidrich

Ein Remis und ein Sieg gegen die Aufstiegskandidaten Darmstadt 98 und St. Pauli sowie der jüngste Heimerfolg gegen Holstein Kiel: Hannover 96 befindet sich im Formhoch und hat sich in der Zweiten Liga Luft im Abstiegskampf verschafft.

“Die Mannschaft ist richtig in die Spur gekommen”, lobte Trainer Christoph Dabrowski sein Team, verwies aber auch auf die komplett andere Konstellation im Pokal. “Natürlich treffen wir auf eine ganz andere Qualität als in der Liga. Mit etwas Glück schaffen wir eine Sensation.”

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Matchplan-Empfehlung anhand der Daten

Allein auf das Spielglück sollte und will sich Hannover am Mittwoch gegen Leipzig (18.30 Uhr, im NDR Livecenter) aber nicht verlassen. Dabrowski hat personell und taktisch aktuell viele Optionen, hält sich jedoch bedeckt: “Wir haben gute Sachen im Kopf und hoffen, dass das dann mit Leben gefüllt wird.” Mit Blick auf die GSN-Daten zu 96 und auch Leipzig lässt sich allerdings eine Matchplan-Empfehlung abgeben.

Wo liegen die Stärken von Hannover 96?

Hohes und effizientes Pressing war zuletzt ein großer Erfolgsfaktor für Hannover. Die Bälle abfangen, bevor es zu gefährlichen Situationen kommen kann, ist das Credo. Mit 52,83 Prozent Erfolgsquote im hohen Pressing liegen die Niedersachsen in der Zweiten Liga auf Rang 3. Im Schnitt 11,17 Balleroberungen in der gegnerischen Hälfte (ebenfalls Platz 3) sind der Lohn.

NDR Daten-Grafik zu Hannover 96 im DFB-Pokal. © NDR

Aber auch, wenn der Kontrahent durchkommt, kann sich 96 wehren. Die Trefferwahrscheinlichkeit bei Torschüssen des Gegners liegt lediglich bei 11 Prozent (Rang 4). Eine wichtige Rolle spielt hier Torwart Ron-Robert Zieler, auf den an späterer Stelle noch genauer eingegangen wird.

Was macht RB Leipzig so gut?

Die Leipziger, in der Bundesliga auf Champions-League-Kurs, vereinen Dominanz und Offensivpower. Mit 893,57 Aktionen pro Partie liegen sie im Bundesligavergleich auf Rang 3. Im Schnitt 8,04 kreierte Torchancen bedeuten Platz 2 hinter den Bayern (10,92), bei den “Expected goals” sieht es genauso aus – 2,20 bei Leipzig, 3,04 bei den Münchnern. Mit 17 % Torwahrscheinlichkeit auf einen Treffer pro Schuss ist RB sogar Ligaspitze.

Hinzu kommt ein starkes Pressingverhalten – 52,85% Pressingeffizienz (Platz 2) – und nur 68,61 Ballverluste (ebenfalls Rang 2). Hannover 96 hat einen fast übermächtigen Gegner zu Gast, aber es gibt Ansatzpunkte für Dabrowski, im 3-4-1-2-System von RB-Coach Domenico Tedesco Schwächen aufzudecken.

Wie kann Hannover 96 den Favoriten stoppen?

Das machen, was zuletzt auch in der Liga gut geklappt hat. Die Bälle früh, am besten in der ersten Pressinglinie, abfangen und/oder Leipzig zu langen Schlägen zwingen. Denn in der Luft fühlt sich RB nicht wirklich wohl, führt nur 39,35 Kopfballduelle pro Spiel (Rang 14) und gewinnt durchschnittlich 50,93 % (8.). Es gilt, das gepflegte Kombinationsspiel der Tedesco-Elf frühzeitig zu unterbinden.

NDR Daten-Grafik zu Hannover 96 im DFB-Pokal. © NDR

Das wird 96 allerdings nicht durchgehend gelingen. Ein weiteres Mittel der Risikovermeidung wäre deshalb das Abdrängen Leipzigs auf deren rechte Angriffsseite. Mit 7,87 % ist die RB-Effizienz hier am schwächsten (Rang 11 in der Bundesliga).

Eine personelle Anpassung des ansonsten offensiv ausgelegten 4-2-3-1-Systems von Dabrowski wäre angesichts der Leipziger Stärken ratsam. Eine Doppelsechs mit Dominik Kaiser und Gael Ondoua könnte das Mittel der Wahl sein. Auch wenn der 96-Trainer dafür wohl den formstarken Sebastian Kerk “opfern” müsste, da Mark Diemers in der Zentrale entscheidende Bedeutung im Spiel von Hannover zukommt.

Welche Offensiv-Taktik sollte 96 wählen?

Lange Bälle und/oder schnell über die Außen. Hohe Anspiele in den Sturm würde die erste starke Pressinglinie der Leipziger aushebeln. Dafür würde Dabrowski einen entsprechenden Zielspieler im System benötigen. Hendrik Weydandt, der als bester Kopfballspieler des 96-Kaders 47,06 % seiner Duelle in der Luft gewinnt, zuletzt aber nicht mehr zum Zug kam, wäre eine Option. Zudem sind die Leipziger beim Verteidigen von hohen Bällen nur durchschnittlich.

NDR Daten-Grafik zu Hannover 96 im DFB-Pokal. © NDR

Auf den Außenpositionen hätten Linton Maina (34,60 km/h), Maximilian Beier (34,31 km/h) oder auch Lawrence Ennali (34,08 km/h) einen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber Benjamin Henrichs (32,40 km/h) oder Angelino (32,18 km/h). Auch Willi Orban (31,68 km/h) in der RB-Innenverteidigung bietet sich zum Überlaufen an.

Tempo über die Flügel durch dribbelfreudige Spieler wie Maina (4,60 mal pro 90 Minuten) und Beier (5,10) gepaart mit Flanken auf Weydandt wären ein probates taktisches Mittel.

Auf welche 96-Spieler wird es besonders ankommen?

RB kommt am liebsten über die linke Seite, nicht zuletzt, weil sich dort auch Christopher Nkunku (14 Saisontore, 10 Assists) gerne tummelt. Hannovers Rechtsverteidiger Jannik Dehm (“Performance-Score” von 50,67 – unterer Zweitligadurchschnitt) wird sich steigern müssen, um gegen Nkunku und Co. bestehen zu können. Dehm, dessen Positionsspiel nur durchschnittlich ist, der dafür aber 60 % seiner Defensivzweikämpfe gewinnt, muss seine Gegner in Eins-gegen-Eins-Duelle zwingen, um seinen Beitrag leisten zu können.

Dass Leipzig zu Chancen kommen wird, ist angesichts der individuellen Klasse klar. Umso wichtiger wird es sein, dass 96-Keeper Zieler seine Form auch in diesem Spiel bestätigt. Mit einem “Performance-Score” von 54,22 ist der Weltmeister von 2014 aktuell der drittbeste Torhüter der Zweiten Liga. Zieler hat 17 Gegentore bekommen. Basierend auf den “Expected goals on target” (Chancenqualität kombiniert mit Endposition des Schusses) hätten es 20,65 sein müssen. Rechnerisch hat er Hannover in der Liga also vor 3,65 Gegentreffern bewahrt. Ein starker Wert.

Fazit

Mit RB Leipzig kommt eine sehr große Aufgabe auf Hannover 96 zu, die aber nicht unlösbar ist. Die Niedersachsen scheinen gerade im DFB-Pokal den nötigen “Effizienz-Schalter” umlegen zu können. Hier haben sie bislang 47,62 % ihrer Torchancen verwertet, in der Liga sind es schwache 18,43 % (nur Aue ist mit 17,45 % schlechter).

“Wir haben alle noch das letzte Pokalspiel gegen Gladbach in Erinnerung, an das wir natürlich anknüpfen wollen”, sagte 96-Coach Dabrowski. “Da hat man gesehen, was möglich ist.” Allerdings. Mit dem 3:0-Sieg im Achtelfinale haben die Hannoveraner nicht nur dem Favoriten, sondern auch so mancher Statistik ein Schnippchen geschlagen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport |
02.03.2022 | 23:03 Uhr

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