„Ehrenmord“-Prozess: Angeklagter googelte „Koffer 70kg Berlin“ – WELT

Es ist eine grauenerregende Tat, die die Berliner Staatsanwaltschaft den Brüdern Yousuf H. und Mahdi H. vorwirft: Am 13. Juli des vergangenen Jahres sollen sie ihre Schwester, die 34-jährige Afghanin Maryam H., im Namen der „Ehre“ ermordet haben.

„Am Tattag wirkten die Angeschuldigten dergestalt auf die Geschädigte ein, dass sie sie drosselten, würgten und ihr die Kehle mittels scharfer Gewalt aufschnitten“, heißt es in der Anklage. Am Mittwoch kam es nun vor dem Berliner Landgericht zum ersten Verhandlungstag.

Der Mord sei erfolgt, da Maryam H. „entgegen den Moralvorstellungen der Angeschuldigten eine teilweise modernere Lebensführung verfolgte“, sagte Staatsanwältin Antonia Ernst, Mordermittlerin in der Abteilung für Kapitalverbrechen.

Der Angeklagte Yousuf H. am Mittwoch im Landgericht Berlin

Quelle: imago images/Olaf Wagner

H. habe sich den Anweisungen ihrer damals 25- und 22-jährigen Brüder widersetzt und nach ihrer Scheidung eine Liebesbeziehung geführt, obwohl dies ihr von den Beschuldigten verboten worden sei. Der Lebenswandel ihrer Schwester habe nicht den „archaischen Ehrvorstellungen und dem Frauenbild“ der Brüder entsprochen, hatte die Staatsanwaltschaft bereits zur Anklageerhebung mitgeteilt.

Nach dem Mord sollen die beiden Männer, die 2013 und 2015 als Asylsuchende nach Deutschland gekommen waren, die Leiche in einem Rollkoffer mit einem Taxi zu einem Berliner Fernbahnhof und von dort nach Bayern verbracht haben. Dort wurde die Leiche verscharrt.

Maryam H.

Maryam H.

Quelle: privat

Bilder aus einer Überwachungskamera des Bahnhofs Berlin-Südkreuz vom Juli 2021 zeigen die Männer, wie sie einen ausgebeulten Koffer zum Zug tragen. Ein Blut- und Leichenspürhund zeigte „Anzeigeverhalten“ im Kofferraum des Taxis, an einem Stuhl im Nebenzimmer des Angeklagten Mahdi H. und an einer Rolltreppe am Bahnhof Südkreuz, die auch die Angeklagten benutzten. An einem Klebeband, das am rechten Handgelenk der Leiche angebracht war, haftete ein Stück eines Einweghandschuhs, an dem die DNA des Beschuldigten Mahdi H. festgestellt werden konnte. Kurz vor der Tat googelte Yousuf H. „Koffer bis 70kg Berlin“.

„Mittelalterliches Weltbild“

Die Staatsanwaltschaft geht von folgender Vorgeschichte aus: Maryam H. soll bereits im Alter von 16 Jahren in Afghanistan zwangsverheiratet worden sein. Aus der Ehe ging eine Tochter und ein Sohn hervor. Die Kinder sind heute zehn und 14 Jahre alt, Nebenkläger im Prozess und gehen in Berlin zur Schule. Im Jahr 2018 wurde die Ehe nach deutschem Recht geschieden, nach wiederholten Gewalttaten des Ehemanns.

Maryam H. verliebte sich in einen Psychologen aus dem Iran, der in Berlin als Familienbetreuer tätig ist. Sie versuchte, die Beziehung vor ihren Brüdern geheim zu halten. Vergebens. Als diese sie gemeinsam ihrer Wohnung antrafen, sollen sie ihren Freund geschlagen und mit Messern bedroht haben. Es habe eine klare Ansage gegeben: Der Kontakt müsse abgebrochen werden.

H.s Freund wird im Prozess als Zeuge aussagen. Bei der Polizei gab er an, dass Yousuf H. ihm gedroht habe, ihn umzubringen, sollte er sich nicht von Maryam H. fernhalten. Über die Brüder sagte er dort aus, dass diese nicht religiös seien, aber ein „mittelalterliches Weltbild“ hätten.

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Laut den Ermittlungen habe nach diesen Drohungen eine massive Überwachung der später Getöteten begonnen: Ständig riefen sie bei ihr und ihrem Sohn an, kontrollierten ihren Aufenthaltsort, um zu verhindern, dass diese sich mit Männern oder Freundinnen traf, gaben ihrer Schwester und deren Kinder Verhaltensregeln vor, schikanierten sie und schlugen sie. Beide Kinder wurden bereits im November des vergangenen Jahres per Video vernommen, eine Teilnahme im Prozess soll ihnen erspart bleiben.

Damals berichteten sie, dass ihre Onkel am Wochenende regelmäßig in die Wohnung ihrer Mutter gekommen seien. Dort hätten diese sich von Maryam H. und ihrer Tochter bedienen und bekochen lassen – und diese geschlagen, wenn Anweisungen nicht befolgt worden seien. Der Junge sollte nach eigenen Angaben „zum Mann im Haus“ erzogen werden und seine Mutter ebenfalls kontrollieren.

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Immer wieder sei es zu Erniedrigungen gekommen, Maryam H. habe sich von ihren Brüdern als „Hure“ beleidigen lassen müssen. Die Brüder sollen von ihrer Schwester auch verlangt haben, dass auch ihre kleine Nichte ein Kopftuch tragen muss. Weil H. das ablehnte, sei sie geschlagen worden.

Für den Prozess sind bislang rund 50 Zeugen benannt, darunter zahlreiche Kriminalbeamte und auch Freunde der Ermordeten. In den Vernehmungen bei der Polizei hatten diese etwa ausgesagt, dass Maryam H. in Deutschland Gefallen an einer offenen und modernen Lebensweise gefunden habe.

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Auch dieses Foto zeigt Maryam H.

Quelle: privat

Ihr Kopftuch hätte sie gerne dauerhaft abgenommen, dies sei aber von den Brüdern nicht zugelassen worden sei. Auch eng anliegende Kleidung sei nicht geduldet worden. In Anwesenheit ihrer Brüder hätte sie daher darauf geachtet, ein Kopftuch und weite Kleidung zu tragen.

Im Januar 2020 war Maryam H. sogar zur Polizei gegangen. Damals war ein Video von ihr aufgetaucht, das sie angetrunken und tanzend in einer Shisha-Bar zeigte. Einer Kriminaloberkommissarin berichtete sie damals, dass sie Angst habe, dass ihre Brüder sie umbrächten, wenn diese das Video zu Gesicht bekommen würden.

Verteidiger rügt „Vorverurteilung“

Der erste Verhandlungstag am Mittwoch war neben dem Verlesen der Anklage von Anträgen der Verteidigung bestimmt. Die beiden Angeklagten machten lediglich Angaben zu ihren Personalien. Zu den Vorwürfen schwiegen sie. Der Sprecher der Verteidigung des jüngeren Angeklagten, Mirko Röder, beklagte vor Journalisten eine „Vorverurteilung“ durch die Politik.

So hatte die damalige SPD-Spitzenkandidatin für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus und heutige Regierende Bürgermeisterin Berlins, Franziska Giffey (SPD), nach der Tat von einem „Ehrenmord“ gesprochen, die damalige Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) von einem „Femizid“.

„Das war eine absurde Debatte auf dem Rücken zweier Angeklagter. Zweier Flüchtlinge, die sich als schwächste Glieder der Gesellschaft in Untersuchungshaft befinden und sich nicht wehren können“, so Röder vor Prozessbeginn. In einer Verhandlungspause sagte er: „Es gibt keinen Tatort, keine Tatwaffe und kein Motiv. Das Motiv ist Lyrik, das schreiben Sie doch herbei.“

Zudem beantragte die Verteidigung, dass der Rechtsanwalt Roland Weber als Nebenklagevertreter abberufen wird, da dieser ehrenamtlich als Opferbeauftragter des Landes Berlin tätig ist. „Die Verteidigung geht davon aus, dass der Staat dadurch gleich zweimal in dem Verfahren vertreten ist“, sagte Röder. Das Gericht entschied noch nicht über den Antrag. Für den Prozess sind bis August 35 weitere Verhandlungstermine angesetzt.

Brüder sollen tote Schwester im Koffer transportiert haben

Berliner Ermittler haben zwei Männer wegen des Verdachts eines sogenannten Ehrenmords an ihrer Schwester festgenommen. Die Leiche sollen sie in einem Koffer mit der Bahn nach Bayern gebracht und dort vergraben haben.

Als gesetzlicher Vertreter der Kinder nahm am Mittwoch auch deren Vater an der Verhandlung teil, der Ex-Mann der Ermordeten. Myria Böhmecke, die den Prozess für die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes beobachtete, zeigte sich darüber gegenüber WELT „sehr verwundert“: Ihr Ex-Mann soll Maryam H. nachgestellt haben, er wurde daraufhin mit einem gerichtlichen Annäherungsverbot belegt.

„Der Fall Maryam H. ist kein Einzelfall“, sagte Böhmecke. Terre des Femmes identifizierte für die Jahre 2020 und 2021 mittels einer Presseauswertung 25 Fälle von versuchten oder vollzogenen Morden im Nahmen der „Ehre“ in Deutschland. „Diese Zahl stellt nur die Spitze des Eisberges dar“, so Böhmecke weiter. „Viele Mädchen und Frauen haben bereits vor einer solchen Tat massiv unter patriarchalischer Gewalt, Zwangsverheiratung und Frühehe zu leiden.“

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