Fußball: System ÖFB hat Optimierungsbedarf

Am Freitag nach der 1:2-Niederlage im Play-off-Halbfinale in Wales hat ÖFB-Präsident Gerhard Milletich seinen Sportdirektor Peter Schöttel beauftragt, „zu überlegen und zu sondieren, um Kandidaten zu suchen, die in der Lage und frei wären sowie finanzierbar sind“. Schöttel selbst steht nicht zur Debatte. „Das war überhaupt kein Thema, weder im Präsidium noch bei mir“, fügte Milletich im APA-Interview an.

Es ist und bleibt die Krux mit der Konzeptionslosigkeit rund um das heimische A-Nationalteam. Ein Präsidium ohne fachliches Know-how entscheidet letztlich über den nächsten Teamchef, vorgeschlagen von einem Sportdirektor, der 2017 ohne vorgelegtes Konzept ins Amt gehievt wurde und dieses WM-Aus ebenso zu verantworten hat. Wenn alles so wie immer läuft, wird der neue Teamchef Peter Stöger heißen.

Janko kritisiert Strukturen im ÖFB

Mit Marc Janko meldet sich eine Größe der ÖFB-Geschichte zu Wort. Der 70-fache Teamspieler bemängelt die Strukturen im Verband und zweifelt die sportliche Kompetenz der Mitglieder im Präsidium an.

Warum es so ist: Präsidium ohne Expertise

Ein Blick zurück ins Jahr 2017: Wieder war Wales für das ÖFB-Team keine Reise wert, ein 0:1 in Cardiff beendete die letzten realistischen Hoffnungen auf eine WM-Teilnahme 2018, einen Monat später war Marcel Koller als Teamchef Geschichte und mit ihm musste Willibald Ruttensteiner als Sportdirektor gehen. Nicht weil er fachlich versagte, die Entwicklung in den 16 Jahren seiner Amtszeit sprachen für ihn, aber „das Kommunikationsthema ist nicht immer zur Zufriedenheit aller erfolgt, das hat sicher den Ausschlag gegeben“, merkte damals ÖFB-Präsident Leo Windtner an. Er selbst blieb vorerst auch im Amt.

Die Mehrzahl der Landespräsidenten, die sich an Ruttensteiner rieben, sind es noch immer. Das sind teils Richter oder Rechtsanwälte, die sich dem Fußball verschrieben haben, aber keine professionelle Expertise mitbringen. Der frühere Teamspieler Marc Janko wunderte sich im Kontext der unrühmlichen Abschiede von Koller und Ruttensteiner 2017 nicht zu Unrecht: „Ich frage mich, ob wirklich immer der Sport und die Entwicklung der Mannschaft im Vordergrund stehen.“ Fünf Jahre später wiederholte er seine Kritik, weil sich nichts änderte.


GEPA/Christian Walgram

Führungsriege anno 2017, darunter der heutige Präsident Milletich (oben 2.v.r.)

Bei der Präsidiumssitzung im Oktober 2017 wurde Schöttel, der kurz zuvor als U19-Teamchef angeheuert wurde, als Nachfolger gekürt. Ein Konzept hatte er damals mangels Zeit noch keines, aber das Vertrauen in sich, „weil ich den Fußball aus allen Perspektiven kennengelernt habe“. Der langjährige und verdiente Rapid- und Teamverteidiger scheiterte als Sportdirektor und Trainer in Hütteldorf aber vorzeitig.

Als Nachfolger von Koller schlug Schöttel nach einigen Absagen (u. a. von Stöger) Rekordteamspieler Andreas Herzog sowie die Bundesliga-Trainer Thorsten Fink (Austria) und Franco Foda (Sturm) vor. Letzterer wurde gewählt, schon damals machte sich Skepsis breit, war doch Fodas Fußball stets mehr mit Verwalten statt Gestalten konnotiert. Viereinhalb Jahre später dürfen sich die Skeptiker bestätigt fühlen.

Wie es sein sollte: Konzept steht über allem

Am Donnerstag in Wales wurde offenkundig zur Schau gestellt, dass dieser talentierten Spielergeneration im Nationalteam mehr geholfen gehört, um solche Schnittpartien zu gewinnen. „Dass wir mit viel Ballbesitz keine Lösungen gefunden haben, hat jetzt nichts mit Gareth Bale zu tun. Da fehlt schon ein wenig die Idee“, sagte ORF-TV-Experte Roman Mählich. Es liegt nicht zuletzt am Coaching, den Spielern Lösungen aufzuzeigen. Das gelang nicht oder einfach zu wenig. Foda gab die Verantwortung an die Spieler ab („Sie haben alle Freiheiten“). Dass Spieler Fehler machen, ist wiederum nicht des Teamchefs Schuld.

Roman Mählich


ORF

TV-Experte Roman Mählich findet klare Worte in Richtung der ÖFB-Spitze

Klar ist, Schöttel wird wieder die Teamchefsuche leiten. Er tut das nicht allein, sondern mit nicht genannten Experten. „Es sind definitiv Leute, die auf einem sehr guten Weg sind, die Trainer ausgesucht haben, zu denen ich auch großes Vertrauen habe.“ Er werde sich wie schon 2017 mit einer Anzahl von bis zu 15 Trainern unterhalten, er kann sich gut eine österreichische Lösung vorstellen, aber man werde nicht an den Landesgrenzen aufhören zu suchen. Ein junger, spannender Trainer sei ebenso möglich, betonte Schöttel auf explizite Nachfrage.

Mählich, einer seiner früheren ÖFB-Teamkollegen, sprach wohl vielen Fußballfans aus der Seele. „Was ich mir wünschen würde, wäre ein roter Faden, wie die Mannschaften beim ÖFB spielen sollen, rauf bis zum A-Team. Damit wir einmal eine Philosophie festlegen, ein paar Eckpunkte, und nach dieser Philosophie einen Trainer bestellen.“

Was zu berücksichtigen ist: Team spielerisch einen

Was die Philosophie betrifft, brachte Schöttel einen wichtigen Punkt selbst ins Treffen. Er wies in diesem Zusammenhang auf die vielen Spieler aus der Red-Bull-Schule hin, die mit enormer körperlicher Fitness extrem stark gegen den Ball arbeiten. Auf der anderen Seite sei eine wichtige Gruppe von Nationalspielern, die in ihren Karrieren bisher vor allem mit Ballbesitzfußball erfolgreich gewesen seien.

Dieser würden neben den Routiniers Marko Arnautovic und David Alaba auch Hoffenheims Christoph Baumgartner und Florian Grillitsch angehören – also zwei jüngere Spieler, die die Hoffnungen dieses ÖFB-Jahrzehnts tragen. Auch in den Nachwuchsnationalteams sei man bereits mit der Situation – Red-Bull-Stil vs. „Wiener Ecke“ (Schöttel) – konfrontiert. Im Idealfall soll das ÖFB-Team künftig beides vereinen.

Spieler des ÖFB-Teams vor dem Match gegen Wales


GEPA/Johannes Friedl

Es geht nur zusammen: Österreichs Fußballnationalteam muss einen gemeinsamen Weg in die Erfolgsspur finden

„Diese Dynamik im Spiel gegen den Ball, diese Körperlichkeit, sollte definitiv ein Markenzeichen von uns werden“, so Schöttel. „Wir wollen die Waffen, die wir im Pressing haben, nutzen. Trotzdem sollten aber auch diese spielerischen Elemente nicht zu kurz kommen. Mit der Thematik muss er zurechtkommen“, sagte Schöttel über den neuen Cheftrainer. Die Spieler sind bereit, gemeinsam einen Weg zu finden. „Wenn es nicht gut funktioniert, sind wir alle dafür verantwortlich. Nicht nur der Trainer, auch die Spieler“, sagte etwa Stefan Lainer.

Warum Wales am Weg zur WM ist: Selbstreflexion

Einen eigenen Weg, der funktioniert, hat Wales schon gefunden. Nicht umsonst hat man nur zwei der 20 Spiele unter Interimstrainer Robert Page verloren und ist nur noch ein weiteres Heimspiel davon entfernt, zum zweiten Mal nach 1958 bei einer WM zu sein. Bis zur EM 2016 hatte man sich dazwischen für keine Endrunde qualifiziert, Tiefpunkt war das Jahr 2012, als in sieben Spielen nur ein Sieg gelang. Rund um Superstar Gareth Bale formierte man ein echtes Kollektiv.

Wales ist spielerisch limitiert, schaltet aber perfekt um und kommt so zu seinen Chancen. Defensiv wirft man alles rein, was man hat. Das stiftet Identifikation, die lautstarken Fans haben ihren fairen Anteil an 17 Heimspielen ohne Niederlage in Folge. Auch weil man als Verband erkannt hat, dass es mehr Sinn hat, im kleinen, vollen Stadion zu spielen als in der großen Rugby-Arena, die dann halb leer ist.

Das ÖFB-Team kann auch das fußballerisch unvorteilhafte Ernst-Happel-Stadion füllen, wenn der richtige Weg eingeschlagen wird – siehe EM-Qualifikation 2015. Die heimische Öffentlichkeit verlangt keine Titel, nur eine geschlossene Mannschaft, die sich selbst nicht bremst und nicht von außen gebremst wird und ihr Potenzial ausschöpfen kann. Damit es auch wieder mit einer WM-Teilnahme klappt.

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