Krieg in der Ukraine: Prominente Tschetschenen in Deutschland werben für Putin – WELT

Unlängst inszenierte sich Timur Dugazaev noch als Friedensstifter. Ein Foto zeigt, wie der Mann, der sich selbst als „Vertreter des Chefs der tschetschenischen Regierung“ in Deutschland bezeichnet, im November 2020 auf einem Sofa sitzt. Um ihn herum: eine Gruppe weiterer Tschetschenen, der Boxer Mahmoud Charr und ein Vertrauter des berüchtigten arabischen Remmo-Clans.

Die Fotos des Treffens erschienen zuerst bei Instagram. Dugazaev schrieb dazu, man habe den Konflikt nach „Diskussionen und Erklärungen“ beigelegt. In den Wochen zuvor war es in Berlin zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern des arabischen Clans und tschetschenischen Bandenmitgliedern gekommen. Ein Machtkampf im Untergrund, der zu eskalieren drohte.

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Dugazaev ist ehemaliger Kampfsportler und heutiger Boxpromoter. Er gilt als eifriger Unterstützer des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow. Jenem Kadyrow, der in diesen Tagen eine Militäreinheit mit Tausenden Kämpfern befehligt, die auf Kiew zumarschiert. Ihr Auftrag: den ukrainischen Präsidenten Wolodymr Selensky zu ermorden. Dugazaev ist selbst ernannter Kadyrow-Statthalter in Deutschland.

Der Boxpromoter Timur Dugazaev ist einer der bekanntesten Kadyrow-Anhänger in Deutschland

Der Boxpromoter Timur Dugazaev ist einer der bekanntesten Kadyrow-Anhänger in Deutschland

Quelle: pa/dpa/Jens Wolf

Seit der russischen Invasion in der Ukraine ist Dugazaev nicht im Auftrag des Friedens unterwegs. Er postet Ansprachen des russischen Präsidenten und teilt Videos von tschetschenischen Kämpfern, die im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ins Feld ziehen. Er selbst reiste kürzlich auch nach Moskau und traf sich dort offenbar auch mit Vertrauten des tschetschenischen Präsidenten.

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Dugazaev ist mit dieser Haltung gegenüber Kadyrow nicht allein. Teile der tschetschenischen Diaspora-Gemeinde in Deutschland sind jenem Regime in Grosny treu ergeben, vor dem andere Landsleute auf der Flucht sind. Aus Sicherheitskreisen heißt es, der tschetschenische Machthaber Kadyrow habe in den letzten Jahren ein dichtes Netz an Mittelspersonen aufgebaut.

Fotos mit Größen des Regimes

Nach Informationen von WELT gehen Sicherheitsbehörden davon aus, dass der Ukraine-Konflikt auch Auswirkungen auf die Sicherheitslage in Deutschland haben könnte. Die Spaltung der Tschetschenen in Kadyrow- und Russland-Unterstützer und Gegner könnten sich nun verstärken. Auch erste Ausreisen von Tschetschenen in Kampfgebiete werden beobachtet. In Berlin befürchtet der Senat ganz konkret Spannungen und lud ukrainische und russische Vertreter zum Gespräch.

Kritiker des tschetschenischen Regimes sehen sich schon länger einer akuten Bedrohungslage ausgesetzt. Das bestätigt auch Ekkehard Maaß. Maaß ist der Vorsitzende der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft aus Berlin. Der Verein beobachtet den Konflikt seit Jahren und kennt die tschetschenische Diaspora in Deutschland genau. „In der Ukraine kämpfen Tschetschenen auf beiden Seiten der Front; die Freiwilligen verteidigen die Ukraine gegen Russland, die anderen sind Kadyrow-Truppen auf der Seite Putins“, sagte er WELT.

Experten fürchten, dass einflussreiche Personen wie Dugazaev den Konflikt weiter anheizen könnten. Dass sie Putin- und Kadyrow-Propaganda verbreiten dürfen, kann Experte Maaß nicht nachvollziehen. „Ich verstehe nicht, warum der Staat Leute wie Dugazaev nicht stärker kontrolliert. Hinter ihm stehen die Netzwerke von Putin und Kadyrow, die hier ihre Propaganda verbreiten. Vor diesen Leuten haben wir Angst“, sagt Maaß.

Zu jenen Putin-Treuen gehört auch ein Bodyguard von Dugazaev. Auch er zeigte sich zuletzt auf seinem Instagram-Profil in Moskau und zuvor in der tschetschenischen Hauptstadt Grozny. Auf einem Bild vom Februar steht er neben Abuzayd Vismuradov, dem Kommandanten der Sicherheitsgarde Kadyrows und Vizepremierminister.

Dugazaev selbst posierte zuletzt neben Magomed Daudov, einem hochrangigen Militär und Parlamentspräsident der Republik.

Parlamentssprecher Daudov (l) hier neben Staatschef Kadyrow

Parlamentssprecher Daudov (l) hier neben Staatschef Kadyrow

Quelle: pa/dpa/TASS/Yelena Afonina

Der Anwalt von Dugazaev will sich auf Anfrage von WELT nicht zur Haltung seines Mandanten äußern: „Eine faktische Unterstützung eines Angriffskrieges kann in dem Teilen von Videos oder Bildern auf Instagram – schon wegen der geringen Reichweite und den fehlenden Einfluss – jedenfalls nicht gesehen werden“.

Anklage wegen mutmaßlich geplantem Auftragsmord

Erst am Donnerstag erhob der Generalbundesanwalt Anklage gegen einen Mann, der im Jahre 2020 einen Mordanschlag auf einen Kadyrow-Kritiker geplant haben soll. Der Verdächtige wurde im Januar 2021 nach einem Haftbefehl des Amtsgerichts Augsburg festgenommen.

Er soll von einem Mitglied des tschetschenischen Sicherheitsapparats Anweisungen bekommen haben, einen im deutschen Exil lebenden Regimekritiker auszuschalten. Dazu habe er eine Schusswaffe mit Munition und Schalldämpfer beschafft und sei nach Tschetschenien gereist, um einen potentiellen Attentäter anzuwerben. Die Ausführung der Tat sei durch seine Festnahme verhindert worden. Dieser aktuelle Fall zeigt, wie groß die Gefahr in Deutschland für kritische Exil-Tschetschenen zu sein scheint.

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In den virtuellen Kampf sind längst auch andere Größen der Unterwelt eingestiegen. Ein einschlägig bekanntes Mitglied aus der Entourage eines Berliner Gangsta-Rappers postete auf Instagram das Foto eines Treffens zwischen Kadyrow und Putin. Dazu schrieb er in gebrochenem Deutsch: „ich hoffe ihr übernimmt ganz Europa“. Ein anderes Mitglied einer bekannten arabischen Großfamilie verbreitete Fotos mutmaßlicher ukrainischer Rechtsradikaler mit dem Kommentar „Das sind die Nazis dieser Zeit.“

Der Islam- und Wirtschaftswissenschaftler Ahmed Omeirate beobachtet den Schulterschluss zwischen Kadyrow-Anhängern und arabischen Clans schon lange. Die Gruppen eine die Herkunft aus „patriarchal-archaisch geprägten Gesellschaften“, in denen Clan-Strukturen eine große Rolle spielten. Es gebe Narrative, wonach man teilweise selbst einen arabischen Ursprung habe und von ehemaligen arabischen Clans aus dem Jemen abstamme, erklärt Omeirate.

Für den selbst ernannten Kadyrow-Statthalter in Deutschland, Timur Dugazaev, hat seine Nähe zu Putin und dem tschetschenischen Machthaber nun Konsequenzen. Bis vor Kurzem war er nämlich noch Mitglied der CDU in Kiel. Wie die Christdemokraten auf Nachfrage von WELT bestätigten, wurde Dugazaev aus der Partei ausgeschlossen. Ein Sprecher sagte, dass man keinen Gesinnungstest bei Mitgliedern durchführe. Nach Hinweisen von Medien, wer Dugazaev eigentlich sei, habe man sich diese Personalie aber einmal genauer angeschaut – und ihn ausgeschlossen.

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