Reportage aus Tschernihiw: „Man weiß nicht, ob man morgens wieder aufwacht“ – WELT

Neue, moderne Ferngläser – zehn Kisten davon hat Sergeii im Auto. Er bringt sie zu den Freiwilligeneinheiten nach Tschernihiw. Keine ungefährliche Lieferung, denn die knapp 300.000 Einwohner große Stadt, etwa 150 Kilometer nordöstlich von Kiew steht unter Dauerbeschuss der russischen Armee.

Wie gefährlich die Fahrt ist, stellt sich auf der 150 Kilometer langen Strecke heraus. Ein Suchoi-Kampfflugzeug nimmt den Wagen ins Visier, sinkt tiefer und feuert eine Granate ab. Zum Glück verfehlt der Pilot sein Ziel. Sergeii lacht nur und drückt aufs Gaspedal.

Sergeii vor seinem zerstörten Haus

Quelle: RICARDO GARCIA VILANOVA

Er will seine Frau Tatjana und seinen Sohn Alexander wiedersehen, die in der Familienwohnung in Tschernihiw ausharren. Obwohl russische Artillerie und Flugzeuge ihre Heimatstadt Tag und Nacht unter Dauerbeschuss nehmen. Es ist ein völlig willkürlicher Beschuss, der ständig den Tod von Zivilisten in Kauf nimmt. Schon mehrere Wohnhäuser sind völlig zerstört, 70 Bewohner tot.

„Putin ist ein Neonazi“, sagt eine der älteren Frauen

Eigentlich ist Tschernihiw bekannt für seine wunderschönen Klöster und die älteste Kathedrale der Ukraine. Heute fühlt sich die Stadt an wie die Ausgeburt der Hölle. Dicker schwarzer Rauch liegt über der Stadt. Das Ölterminal steht nach einem russischen Treffer in Flammen. Krater sind in Straßen und Grünflächen gerissen. Bäume sind gekappt, Steinbrocken, Reste von Autos und Möbeln liegen herum.

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Sirenen heulen, Schüsse knallen und der wiederkehrende Donner von Explosionen ist allgegenwärtig. Die Bewohner harren verängstigt in ihren Kellern aus, ohne Wasser, Heizung und Elektrizität im Dunkeln. Seit über einer Woche schlafen sie in ihren Mänteln mit Wollschals um den Kopf, auf dem nackten Fußboden nur mit dünnen Decken.

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Wenn sie Glück haben, bekommen sie einmal am Tag etwas Warmes zu Essen. Freiwillige steigen zu ihnen in den Keller und bringen Suppe. Es sind Zustände, die die Menschen bisher nur aus Erzählungen aus dem 2. Weltkrieg kennen. „Putin ist ein Neonazi“, sagt eine der älteren Frauen. Sie hat viele kleine Wunden übers Gesicht verteilt, die von herumfliegenden Glassplittern stammen. Eine russische Rakete zerstörte das 17-stöckige Wohnhaus über ihnen. Aber zum Glück überlebten alle, weil der Keller der Bombe Stand hielt.

„Putin ist ein Neonazi“, sagt eine der älteren Frauen

„Putin ist ein Neonazi“, sagt eine der älteren Frauen

Quelle: RICARDO GARCIA VILANOVA

Der Zehnjährige liegt jetzt mit schwerem Schädeltrauma im Krankenhaus

Andere hatten weniger Glück. 33 Menschen starben, als das fünfstöckige Haus von Sergeii und Alexander getroffen wurde. „Ich sah mit meinem Sohn gerade aus dem Fenster, als die Rakete einschlug“, erzählt Sergeii. „Überall flogen Glassplitter und ein Schrapnell traf meinen Sohn am Kopf“. Sergeii zog es intuitiv heraus, aber sein zehnjähriger Sohn liegt jetzt mit schwerem Schädeltrauma im Krankenhaus.

Seine Frau und die beiden anderen Kinder im Alter von vier und neun Jahren überstanden den russischen Luftschlag unbeschadet. Ihre Wohnung befand sich im letzten Drittel des Gebäudes mit drei separaten Eingängen. Die Bewohner im vorderen Teil, in dem die Rakete einschlug, kamen alle ums Leben. „Gebt uns den Piloten, der für den Tod der Menschen verantwortlich ist“, sagt Alexander vor den Überresten seines blauen Wagens. „Wir wissen, was mit ihm zu tun ist“.

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Er meint den russischen Piloten, der in der Nähe von Tschernihiw am Samstag abgeschossen wurde und sich mit dem Schleudersitz retten konnte. Ukrainische Soldaten nahmen ihn nur leicht verletzt gefangen. „Das war mein erster Einsatz und ich wusste nicht, was und wen ich bombardiere“, behauptete der Pilot nach seiner Festnahme.

Doch er flog bereits in Syrien für Russland, es soll Fotos geben, die ihn mit Präsident Bashar al-Assad zeigen. In Syrien haben russische Kampfflugzeuge jahrelang bewusst zivile Einrichtungen, Krankenhäuser, Schulen und Marktplätze angegriffen und dabei viele Hunderte von Menschen getötet. Es scheint, dass Russland diese perfide und gegen internationales Recht verstoßende Taktik auch in Tschernihiw und dem Rest der Ukraine einsetzt. Auch in anderen Orten des Landes kam es zu Angriffen auf Wohngebiete und die Zivilbevölkerung.

„Man weiß nicht, ob man morgens wieder aufwacht“

Die Frau von Sergeii, dem Fahrer, der die Fernrohre erfolgreich zu den Freiwilligeneinheiten gebracht hat, steht in der Küche und kocht: Teigtaschen mit Fleisch. Dazu gibt es eingelegte Gurken, Käse und Rote Bete. „Wissen Sie, wenn man am Abend zu Bett geht, weiß man nicht, ob man morgens wieder aufwacht“, sagt Tatjana. „Pläne für eine Zukunft existieren nicht, nur das Heute zählt“.

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Flüchten möchte sie nicht, egal wie gefährlich die Lage auch sein mag. Ihr Sohn Alexander will ebenfalls bleiben. „Wer seine Heimat im Stich lässt, ist letztendlich ein Verräter“, sagt er und rückt kurz seine schwarze Brille zurecht. Er ist stolz auf seine Ukraine. Der russische Angriff habe die Nation noch mehr zusammengeschweißt.

Alexander will in der Ukraine bleiben

Alexander will in der Ukraine bleiben

Quelle: RICARDO GARCIA VILANOVA

„Niemand hätte gedacht, dass die Ukrainer zu solchen Taten und Opfern bereit sind“. Er meint die militärischen Erfolge gegen einen scheinbar übermächtigen Feind. All die Freiwilligen, die zu Tausenden kämpfen, helfen und spenden. „Selbst, wenn wir verlieren sollten, was ich nicht glaube, dann werden wir wie die Partisanen im 2. Weltkrieg gegen die russische Besatzung kämpfen“, behauptet der erst 23-Jährige, der bei einer IT-Firma arbeitet, euphorisch.

Vater Sergeii ist nicht gut gelaunt. Er hätte seine Frau und Sohn längst nach Kiew gebracht. Dort wären sie erst einmal in Sicherheit. „Was soll ich sagen?“, meint er. „Sie sind beide so starrköpfig und wollen bleiben, dass ich nichts machen kann“. Er zuckt mit den Schultern und schüttelt den Kopf. Ihm bereitet auch der Aufenthaltsort der Familie Sorgen. Die Wohnung liegt im siebten Stock. Je höher, desto wahrscheinlicher, dass ein Mörser, eine Granate oder eine Rakete einschlägt.

„Mathematisch ist es sehr unwahrscheinlich“

„Ich habe keine Angst“, sagt Sohn Alexander. „Mathematisch ist es sehr unwahrscheinlich, dass ausgerechnet unsere Wohnung getroffen wird“. Seine Mutter Tatjana entgegnet trocken: „Aber jetzt sind unsere Nachbarn tot, die in einem der oberen Stockwerke wohnten.“ Alexander bleibt stumm und verschränkt die Arme.

Trümmer in Tschernihiw

Trümmer in Tschernihiw

Quelle: RICARDO GARCIA VILANOVA

Am nächsten Morgen lässt Sergeii seine Frau und seinen Sohn im umkämpften Tschernihiw zurück. Er fährt zurück nach Kiew, um zu sehen, was er als Nächstes an die Front transportieren soll. Es ist ungewiss, wann und ob er überhaupt seine Familie wiedersieht. Aber es scheint ihm nichts auszumachen. Er lässt sich jedenfalls nichts anmerken.

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„Wir kämpfen gegen eine Invasion, für unser Land und unsere Nation“, sagt er. Sergeii ist müde. Im Bett in seiner eigenen Wohnung konnte er kaum ein Auge schließen. Die andauernden Explosionen ließen ihn nicht schlafen. Aber zumindest auf der Straße nach Kiew gibt es keine Zwischenfälle. Es bleibt ruhig. Kein Suchoi-Kampfflugzeug, das den Wagen bombardieren will. Nur die Checkpoints in der ukrainischen Hauptstadt nerven. Lange Schlangen von Fahrzeugen. Und es dauert Stunden bis man ins Stadtzentrum zurückkehren kann.

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