Ukraine-Krieg: Russland fordert letzte ukrainische Soldaten in Mariupol zur Kapitulation auf – WELT

Die russische Armee hat die ukrainischen Verteidiger in der schwer umkämpften Hafenstadt Mariupol erneut zur Aufgabe aufgerufen. Unter Berücksichtigung der „katastrophalen Situation“ im Stahlwerk Asowstal biete man den eingeschlossenen ukrainischen Kämpfern sowie „ausländischen Söldnern“ an, die Feindseligkeiten einzustellen und am Sonntag ab 6.00 Uhr Moskauer Zeit (5.00 Uhr MEZ) die Waffen niederzulegen, hieß es in einer in der Nacht zu Sonntag veröffentlichten Mitteilung von Generaloberst Michail Misinzew aus dem russischen Verteidigungsministerium.

Allen, die ihre Waffen niederlegten, sei ihr Leben garantiert, hieß es weiter vonseiten der Aggressoren. Bis zum frühen Morgen war keine Reaktion von ukrainischer Seite bekannt geworden.

Angaben aus Moskau zufolge steht die ukrainische Hafenstadt Mariupol mittlerweile fast vollständig unter russischer Kontrolle. Am Samstag hatte der russische Ministeriumssprecher Igor Konaschenkow mitgeteilt, alle verbliebenen ukrainischen Kämpfer hätten sich mittlerweile in dem Stahlwerk Asowstal verschanzt. Aus Kiew gab es dazu keine Angaben.

Russische Panzer in der Nähe von Mariupol

Quelle: AP/Alexei Alexandrov

Am Sonntag um 6.00 Uhr Moskauer Zeit, heißt es in der Mitteilung, sollten die russischen Einheiten als Zeichen der Einhaltung der Feuerpause rote Flaggen, die ukrainische Seite weiße Flaggen über das gesamte Areal des Stahlwerks hissen. Nach Bestätigung der Bereitschaft auf davor eingerichteten Kommunikationskanälen könnten ab 6.00 bis 13.00 Uhr Moskauer Zeit alle ukrainischen Einheiten ohne Waffen und Munition vom Areal gehen.

Vom ukrainischen Generalstab hieß es in seinem Lagebericht am Sonntag jedoch, dass Russland die Luftangriffe auf Mariupol fortsetze. Angriffe seien auch im Bereich des Hafens erfolgt, hieß es weiter. Russische Einheiten bereiteten sich zudem „vermutlich“ auf eine Marineoperation zur Landung in Mariupol vor.

Gleichzeitig rief Misinzew „alle“ Militärangehörigen der ukrainischen Streitkräfte dazu auf, die Waffen niederzulegen. Die Russische Föderation garantiere jedem sein Leben und die Einhaltung aller Normen der Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen.

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Quelle: Infografik WELT

Mariupol gilt als seit Anfang März eingekesselt. Durch die der mehr als eineinhalb Monate andauernden Kämpfe und Bombardierungen wurde die Stadt verwüstet und eine unbekannte Anzahl von Zivilisten getötet. In den vergangenen Tagen drangen russische Truppen ins Zentrum vor. Russischen Angaben zufolge verschanzten sich mittlerweile alle verbliebenen ukrainischen Kämpfer – deren Zahl nicht mehr als 2500 sein soll – in dem Stahlwerk Asowstal.

Der Einsatz von Tu-22M Überschallbombern durch die russischen Streitkräfte beim Angriff auf das Asowstal-Werk könne auf die Absicht hindeuten, den Kampf bald zu beenden, indem sie die verbliebenen ukrainischen Kämpfer mit Feuerkraft vernichteten, schrieb das US-Kriegsforschungsinstitut Institute for the Study of War (ISW) in seiner jüngsten Ukraine-Analyse.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat unterdessen von den westlichen Partnern schwere Waffen für den Kampf um Mariupol oder Unterstützung bei Verhandlungen zur Beendigung der Blockade gefordert.

„Entweder unsere Partner geben der Ukraine all die notwendigen schweren Waffen, die Flugzeuge, und ohne Übertreibung sofort, damit wir den Druck der Besatzer auf Mariupol verringern und die Blockade brechen können“, sagte er am Samstag in seiner nächtlichen Videoansprache an die Nation. „Oder wir machen das über Verhandlungen, in denen die Rolle unserer Partner entscheidend sein sollte.“

Einwohner der weitgehend zerstörten südukrainischen Hafenstadt Mariupol

Einwohner der weitgehend zerstörten südukrainischen Hafenstadt Mariupol

Quelle: REUTERS

Die Lage in der Stadt sei unmenschlich und Russland „versucht vorsätzlich, jeden dort zu zerstören“, sagte Selenskyj. Er verknüpfte das Schicksal der Stadt mit jeglichen Verhandlungen über ein Ende des Krieges. „Die Zerstörung unserer Leute in Mariupol – was sie jetzt machen – kann das Ende für jedes Format von Verhandlungen bedeuten“, sagte Selenskyj am Samstag in einem Interview.

Sein Präsidialamt bezeichnete die Lage in Mariupol als kritisch. Die Verteidiger hielten den russischen Angreifern aber Stand, hieß es. Mit der Eroberung Mariupols würden die russischen Truppen eine Landverbindung von der annektierten Halbinsel Krim bis zu den prorussischen Separatistengebieten im Donbass kontrollieren.

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Tatsächlich sind erste Teile des jüngsten Unterstützungspakets an Waffen und Munition aus den USA bereits in der Ukraine eingetroffen. Das berichtete der TV-Sender CNN in der Nacht zu Sonntag unter Berufung auf einen Beamten im Weißen Haus. Washington hatte am Mittwoch Kiew weitere Waffen und Munition im Wert von bis zu 800 Millionen Dollar (740 Millionen Euro) zugesagt – darunter auch Artillerie, gepanzerte Fahrzeuge und Hubschrauber.

Die neuen Lieferungen sollen die Ukraine demnach insbesondere angesichts des befürchteten russischen Großangriffs in der östlichen Donbass-Region unterstützen. Die US-Regierung hat der Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskrieges Ende Februar damit bereits Waffen im Wert von 2,5 Milliarden US-Dollar zugesagt oder geliefert. Seit Anfang vergangenen Jahres summieren sich die US-Hilfen für Kiew so auf insgesamt rund 3,2 Milliarden Dollar.

Russland hatte wegen Waffenlieferungen an die Ukraine kürzlich Protestnoten an mehrere westliche Länder, darunter die USA, gesendet. Nach Angaben der US-Tageszeitung „Washington Post“ warnte Moskau in dem Schreiben, dass solche Lieferungen „unvorhersehbare Folgen“ haben könnten

Auch von der Leyen fordert mehr Waffen für Ukraine

Dennoch hat auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an die EU-Länder appelliert, der Ukraine schnell Waffen zu liefern. „Für alle Mitgliedstaaten gilt, wer kann, sollte schnell liefern, denn nur dann kann die Ukraine in ihrem akuten Abwehrkampf gegen Russland bestehen“, sagte von der Leyen der „Bild am Sonntag“. „Ich unterscheide nicht zwischen schweren und leichten Waffen. Die Ukraine muss das bekommen, was sie zur Verteidigung braucht und was sie handhaben kann.“

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Die EU-Kommissionspräsidentin bereitete die Bürger in Europa auf einen langen militärischen Konflikt vor: „Wir müssen alles tun, dass er so schnell wie möglich endet. Und wir müssen uns zugleich darauf vorbereiten, dass der Krieg schlimmstenfalls noch Monate, gar Jahre dauern kann.“

Zu den Kernpunkten eines sechsten Sanktionspaketes der EU gegen Russland, das zurzeit vorbereitet wird, sagte sie: „Wir sehen uns weiter den Bankensektor an, insbesondere die Sberbank, die alleine 37 Prozent des russischen Bankensektors ausmacht. Und natürlich geht es um Energiefragen.“ Oberstes Ziel sei, Putins Einnahmen zu schrumpfen.

Eine Mutter wartet mit ihrem Kind in der Stadt Slowjansk auf einen Bus, der sie evakuieren soll

Eine Mutter wartet mit ihrem Kind in der Stadt Slowjansk auf einen Bus, der sie evakuieren soll

Quelle: AP/Petros Giannakouris

„Aber Öl wird global gehandelt. Was nicht passieren soll, ist, dass Putin auf anderen Märkten noch höhere Preise für Lieferungen kassiert, die sonst in die EU gehen. Deswegen entwickeln wir gerade kluge Mechanismen, damit im nächsten Sanktionsschritt auch Öl einbezogen werden kann.“

Von der Leyen nahm die deutsche Regierung gegen Vorwürfe in Schutz, sie bremse bei Sanktionen. „Deutschland unterstützt die Ukraine seit vielen Jahren und hat allen fünf Sanktionspaketen, die wir vorgeschlagen haben, innerhalb von 48 Stunden zugestimmt. Noch nie ist die EU so geschlossen, entschlossen und tatkräftig aufgetreten wie jetzt. Daran hat Deutschland seinen Anteil“, sagte sie.

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Unterdessen verstärkten die russischen Streitkräfte nach zwei Wochen relativer Ruhe auch wieder ihre Luftangriffe auf Kiew. Am Samstag griffen sie unter anderem eine Panzerfabrik in der ukrainischen Hauptstadt an. Bei dem Beschuss mit „hochpräzisen Langstreckenwaffen“ seien Produktionsgebäude der Fabrik zerstört worden, teilte das russische Verteidigungsministerium auf Telegram mit. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete, dass ein Mensch getötet und mehrere weitere durch Explosionen verletzt worden seien.

Russische Truppen hatten am Freitag bereits einen Rüstungskomplex nahe der Hauptstadt angegriffen, in dem laut der Website des staatlichen Rüstungskonzerns Ukroboronprom „Neptun“-Raketen hergestellt wurden. Mit Raketen dieses Typs war der am Donnerstag gesunkene russische Raketenkreuzer „Moskwa“ laut ukrainischen Angaben beschossen worden. Moskau bestätigte diese Angaben nicht und erklärte, dass an Bord des Schiffs Munition explodiert sei.

Am Samstag veröffentlichte das russische Verteidigungsministerium ein Video, das mutmaßliche Überlebende des Untergangs bei einem Treffen mit dem Marinechef zeigen soll. Das Ministerium erklärte zudem, ein ukrainisches Transportflugzeug in der Region Odessa abgeschossen zu haben, das von westlichen Staaten gelieferte Waffen an Bord hatte.

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Unterdessen meldeten die ukrainischen Behörden in der zweitgrößten Stadt Charkiw im Osten, dass bei einem russischen Raketenangriff auf ein Wohnviertel mindestens zwei Menschen getötet und 18 weitere verletzt wurden. Der ukrainische Innenminister Denys Monastyrsky erklärte zudem, dass drei Pioniere beim Räumen von Minen in der Region getötet und vier weitere schwer verwundet worden seien.

Wieder zahlreiche Menschen evakuiert

Ukrainischen Angaben zufolge sind am Samstag rund 1450 Menschen aus umkämpften Gebieten des Landes in Sicherheit gebracht worden. Etwa 1380 Menschen kamen in der Stadt Saporischschja aus mehreren Städten im Süden und Osten des Landes an, darunter 170 aus Mariupol, teilte das Büro des Präsidenten am Samstag auf Telegram mit.

Aus drei Städten der Region Luhansk seien „unter andauerndem Beschuss“ 68 Menschen geholt worden. Eine Evakuierung aus der Stadt Lyssytschansk in dem Gebiet sei aufgrund „massiven Beschusses“ vereitelt worden.

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Quelle: Infografik WELT/Beate Nowak

Fluchtmöglichkeiten gibt es auch nach Russland. Aus Moskau hieß es am Samstag, „trotz von Kiew verursachter Hindernisse“ seien binnen 24 Stunden ohne Beteiligung der ukrainischen Behörden rund 15.800 Menschen aus gefährlichen Regionen der Ukraine und den Gebieten Donezk und Luhansk nach Russland evakuiert worden.

Die Ukraine und Russland werfen sich gegenseitig vor, die Flucht von Zivilisten über die täglich neu eingerichteten sogenannten humanitären Korridore zu sabotieren. Moskau hatte zuletzt erklärt, die Kampfhandlungen auf den Osten der Ukraine zu konzentrieren.

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